Deutschlands Depressionen

Deutschlands Depressionen

Deutschlands Depressionen Nafsologie Nafsotherapie Youssef ZemhouteIn Deutschland im Jahre 2018 kämpfen wir noch immer gegen starke Depressionen in der bundesdeutschen Bevölkerung. Woran liegt das? Die deutsche Depressivität hat eine lange Tradition und in gewisser Weise nährt sie sich aus politischen, wirtschaftlichen, sozialen und historischen Paradigmen. Auch die mediale Berichterstattung trägt nicht viel dazu bei, die Depressionen Deutschlands abzubauen. Dabei müsste man keine Massentherapie vollziehen, wie das die Medien bereits erfolgreich praktizieren. Es ist eher notwendig, dass wir egophysische Verhältnisse abbauen. Was wären diese Verhältnisse? Nun, man schaue sich an, wie wir mit Problemen in der Bevölkerung umgehen. Anstatt dass sich jeder Ort seiner Gemeinde annimmt, sucht unsere Regierung – und die Medien transportieren dieses Paradigma – immer eine zentralisierte Antwort, die für alle gleich ausgeführt werden solle. Diese Neigung zur Zentralisierung ist ein großes Übel, das alle Staaten historisch befallen hat und die historische Ursache dafür war, dass Zivilisationen untergingen. Hinzu kommt unsere Bürokratie, die uns in gewisser Weise gut auf die Digitalisierung vorbereitet hat. Wir existieren in Deutschland nicht, wenn nicht in irgendwelchen Bürogebäuden unzählige Akten über jeden einzelnen Bürger von uns lägen. Es gibt Verträge, Anträge, Beglaubigungen, Beurkundungen, Termine, Treffen, Verhandlungen, Gespräche, Anträge, Abträge, Meldungspapiere, Ummeldungsakten, etc. Und immer gehören mindestens zwei Stück Papier zum amtlichen Ereignis. Diese krankhafte Bürokratie erzeugt eine Eigenschaft, die aus Trotz zurückgeworfen wird auf die Regierung, in Form von starkem Misstrauen. Warum sollte ein Bürger einer Regierung vertrauen, die ihm offenkundig in keiner Weise vertraut? Der Beamte würde nun sagen, es sei das Gesetz, doch das Gesetz entkleidet niemals das Recht. Und wenn doch, dann wird es sehr bald gar keine Gesetze mehr geben. Die Ursachen für deutsche Depressivität sind vielfältig. Ich habe jetzt sehr auf die Bürokratie eingeschlagen, und muss dazu sagen, dass sie viele Bürger ihrer Mündigkeit enteignet. Wer seine Mündigkeit verliert, der verliert auch schnell alles andere, egal was es ist. Und deshalb müssen Deutschlands Depressionen thematisiert werden. Wir brauchen mehr staatliches Vertrauen und nicht mehr staatliche Kontrollen. Versuchen Sie mal ein Kind so zu erziehen, wie der Staat seine Bürger „erzieht“, und beobachten Sie die kindlichen Reaktionen. Es wird Ihnen gehorchen. Sobald es erwachsen ist, will dieses Kind nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Außerdem birgt das Kind eine rasende Wut in sich, die es an die Gesellschaft auslassen wird. Es könnte auch Sie treffen. In Deutschland sind wir auch sehr überzeugt von unserer Medikamentenkultur, die wir den Medizinern zu verdanken haben. Menschen sind nicht kranker geworden, aber sie bekommen mehr und mehr verschrieben. Das schafft Wirkungen, Nebenwirkungen, Auswirkungen und Einwirkungen. Zudem haben wir eine alternde Bevölkerung, die überaus traumatisiert ist. Es sind Traumata aus den letzten 60 bis 80 Jahren. Diese Menschen, die ich als die Kinder des Krieges bezeichne, sind Eltern und Großeltern. Sie kämpfen mit der historischen Vergangenheit dieses Landes, den Zwängen der Politik und den wirtschaftlichen Umständen. Nichts schien während dieser Lebenszeit gut zu laufen für diese depressiven Personen und eben dieses Empfinden dieser Kriegskinder wurde weitergegeben. Kriegskinder und Nachkriegskinder kamen in die Politik, in die Wirtschaft und in den Staat. Mit diesem Empfinden, das voller Misstrauen und Distanziertheit war, haben sie auch gearbeitet. Das tun sie teilweise bis heute. Deshalb hat sich Deutschland nicht wirklich verändert. Es ist ein verstaubtes Land voller Gram geblieben, so wir auf die Gemüter schauen. Tatsächlich ist das deutsche Jammern eine Art Volkssport geworden. Es gibt nichts, was man nicht bejammern könne. Und mit diesem gramvollen Brauch wuchs jeder Haushalt auf, sofern er nicht das Glück gehabt hatte, in einer Herzensfamilie groß zu werden. Dies ist nur sehr wenigen beschieden gewesen. Wie wir mit Deutschlands Depressionen umgehen? Es wäre ein sehr guter Schritt, über dieses Thema öffentlich mehr zu sprechen, das komplexer nicht sein könnte. Würden die Menschen es mehr thematisieren, dann bekämen sie ein besseres Empfinden dafür und sie ließen sich therapieren. Stattdessen wird es zu einem schändlichen Thema gemacht, das lediglich Arbeitszeit, Aufwand und Arbeitsplätze kostet. Wären die Menschen selbstbewusster, bräuchten sie gar keine Arbeitsplätze. Sie würden selbst Arbeit schaffen. Diesen Gedanken können Sie aber nicht entwickeln, wenn Sie in einer Gesellschaft leben, wo Sie sich für Ihre Depressionen, Ängste und Minderwertigkeitsgefühle zu schämen haben. Die Schwächen unserer Menschheit sind besser zu verstehen und nachzuvollziehen, wenn wir begreifen, dass wir nicht weit von den letzten zwei Weltkriegen sind.

[aus dem Buch: „Nafsologie.Die Kunst des Seelenrufens.Youssef Zemhoute.Duisburg,2018.]