In seiner Art zu sprechen und zu argumentieren, neigt der Mensch oft zur Entkräftung seiner Gedanken durch seine ungezügelten Emotionen. Allein seine emotionalen Bestrebungen treiben ihn dazu an, zu leben und zu tun, was er tut. Doch in seinen Worten muss er sich hüten vom Eifer des selbstvernichtenden Pathos. Er spricht und spricht, doch keine fruchttragenden Worte, sondern nur ein Spinnennetz aus Sätzen, die niedergeschrieben all ihre Macht verlieren würden. Ohne seine geladene Stimme, fiele es jedem schwer, ihm zuzuhören. Der gesunde Menschenverstand und seine Artikulation Youssef Zemhoute

Er neigt deshalb bei seinen Aussagen dazu, herum zu gaukeln, zu zucken, hektisch mit seinen Gliedern zu fuchteln und zu schreien. Er macht sich sprichwörtlich zu einem Hampelmann. Es ist daher wichtig, dass der Redner darauf Wert legt, Worte zu vermitteln und ihnen mithilfe seiner Stimme nur Nachdruck zu verleihen, wenn sie auf Papier nicht an Gehalt verlieren sollen. Deshalb achtet der aufrichtige Redner auch auf seine Schreibe.

Eine Rede ist wahrlich keine Schreibe, aber sie wird geschrieben, festgelegt, ob in ihren groben Zügen oder ausführlich. Es muss eine Substanz ins Gehör reichen, die Menschen dazu bringt, etwas zu behalten, was sie niederschreiben und behalten können. Andernfalls hat jenes Gesprochene keinen Wert. Zumindest nicht ohne all die Emotionen, die mich dazu treiben, zuzuhören und mein geistiges Hinterfragen vergessen machen.

Das Gerede

Wie oft begegnen Menschen anderen Menschen, die etwas sagen, was sie hörten, die es dann für die Wahrheit halten? Doch in Worten es auszuführen, das vermögen sie nicht. Sobald an ihren Wortgerüchten gerüttelt wird, offenbaren sich die Worthülsen dieser Personen und sie beginnen, nervös zu werden. Diese Imitatoren sind leicht zu erkennen. Sie sprechen jenes Geschwätz nämlich im selben Tonfall wie der Redner, von dem sie es hörten. Eine Ähnlichkeit ist erkennbar. Sie haben etwas mit ihrem Idol, Lehrer, Professor, Wortführer oder Gelehrten gemeinsam. Nicht im Wissen, sondern im gestischen und mimischen Ausdruck. Nicht Wissen also eigneten sie sich an, sondern vielmehr ein emotionales Verhaltensmuster, das sie durchtrieben macht. Das sind die Maschenredner. Deshalb ist ihre Artikulation keine wahrhaftige, sondern eher eine Masche, die alles Gesagte färbt.

Das Problem dieser Entwicklung ist nicht die Peinlichkeit der Erscheinung, sondern die zunehmend gesteigerte Respektlosigkeit gegenüber dem Wissen. Wissen ist eben das, was man leicht weitergeben kann. Das mag so sein oder aber auch nicht. Wichtig ist die dadurch verlorene Achtung gegenüber menschlicher Intelligenz. In einer Zeit, wo viel Verwirrung herrscht, hat niemand Fragen. In einem Umfeld dessen Bedeutung die schulische Aneignung von Wissen ist, gibt es keine Fragen. Es scheint, als hätten die Menschen nur noch Antworten. Erschreckend zu erkennen, denn wahres Wissen wächst mit Fragen und nicht mit Antworten. Verflucht sei der Tag, an dem der Mensch sich keine Fragen mehr stellt. Es wäre der Tag des Einläutens seines geistigen Niedergangs.

 

Der emotionale Mensch

Gefühle, Affekte, Emotionen sind menschlich und in seinem Dienste stehen sie. Er kann sie missbrauchen und auch gebrauchen. Ein Redner beispielsweise, der laut wird, weil ein wichtiges Wort in seiner Rede auftaucht, tut es um des Wortes willen. Ein Redner, der ständig laut wird, betont nicht mehrere Worte, es sei denn, er wollte sein Publikum verwirren. Er gibt nur seine Gefühle weiter. Bei Kleingeistern gelingt die Verbreitung einfachen Denkens leider sehr schnell. Die Worte fassen Fuß an Orten der Selbstgerechtigkeit. Wie kann jemand selbstgerecht von sich behaupten, dass er hinter den Worten eines Menschen stünde, kurz nachdem er sie erhörte? Ist das nicht eben Selbstungerechtigkeit? Selbstlüge? Selbstbetrug? Wieso betrügt sich der Mensch so leicht? Er dazu erzogen, sich selbst zu trügen. 

Es lebt sich so leichter. So lernt der Mensch auch andere zu betrügen. Doch wir sind Menschen und das Besondere unserer Natur ist unsere Lernfertigkeit. Eben durch jenen Redeeifer, versperren wir uns den Weg zu geistiger Freiheit und werden zu Wesen, die nimmer lernen wollen, weil Gelerntes etwas erschüttern kann, was unsere Existenz ausmacht oder besser, was wir selbst dazu erklärt haben, dass es uns ausmacht.

Meist sind es auch die sprechunsichersten Menschen, die sich jenen Mitteln der emotionalen Anstachelung bedienen. Nur Emotionen geben ihnen Sicherheit, nicht jedoch die Worte. Wahre Worte müssen genügen für einen ehrlichen Menschen. Wie menschlich ist jemand, der sich vor seiner verklärten Intuition fürchtet und kopfschüttelnd von jemandem flüchtet, der ihm erschreckende Worte herbeizaubert? Ich weiß es nicht. Ich spreche niemandem seine Menschlichkeit ab. Fürchten solle man sich nicht vor geistiger Entwicklung. Wer es doch tut, der glaubt die Wahrheit gefunden zu haben. Meistens als meine Wahrheit bezeichnet. Und wenn wir glauben etwas gefunden zu haben, suchen wir nicht mehr danach und haben es vielleicht gar nicht, denn wer kann von sich ganz sicher behaupten, dass er die so genannte innere Erleuchtung hat. Im Leben kann man jene nicht erreichen. Das Leben ist ein Kampf in all seinen Gezeiten und der größte Feind ist sich jeder selbst. Jeder ist sich selbst der Feind und niemand ist sich selbst kein Feind.

Doch zurück zu unseren kranken Rednern, die sich schwören die volle Wahrheit zu kennen und sie doch nicht niederschreiben können. Ihr Spielplatz ist der Luftraum, in dem die Schallwellen sich bewegen. Sie hüpfen mit rhetorischen Mitteln hin und her, spielen Tennis, irritieren, stacheln an, provozieren, werden sentimental und sind anfällig für jegliche Form von Sachlichkeit. Es ist schwer gegen sie ohne Emotionen zu bestehen. In meinen Augen wahrlich unmöglich. Wie erscheint der maschinenhafte Mensch gegen einen antiken Helden schlechthin, der auf den Tisch haut? Wie eine Maschine und nicht wie ein Mensch im Gegensatz zu seinem Gegenüber. So ist es nötig, die bezwingende Emotion aller anderen hervorzurufen. Sowohl in sich selbst und im Publikum, als auch beim zitternden Gegenüber. Es ist nötig, die Ruhe zu wahren. In ihr liegt nicht nur Kraft, in ihr liegt Macht, denn Emotionen können in der Stille nicht verharren. Sie müssen wie Schweiß vom Körper ausgestoßen werden. Was passiert also? Entweder ein Schweißausbruch oder der Redner muss seine Emotionen zügeln, um nicht zum Clown zu werden und gegen wirklich jeden guten Geschmack zu verstoßen. Natürlich kann auch beides passieren. In jedem Falle bekommt der bedächtige Redner die Möglichkeit, Ordnung zu schaffen und so dem durch Gefauche erzeugten Chaos zu entgehen. Es reichen die Worte des Gegenübers, um ihn rhetorisch niederzumetzeln, denn seine Worte sind nichts als kaschiertes Geschwätz. Steht man trotz all jenen Versuchen und Vorgehensweisen in der geistigen Finsternis des Publikums, dann gibt es im Saal wohl kein Licht. Seine eigenen Ansprüche sollte man jedoch nie wegen eines Publikums aufgeben, wenn man nicht den angemessen Ausdruck menschlichen Geistes verlieren möchte.