Depression Youssef Zemhoute

Depression ist eine verbreitete Krankheit. Es ist eine sehr unangenehme Erfahrung, wenn man sich die depressiven Menschen anschaut, sich mit ihnen unterhält und ihren Glaubenssätzen lauscht. Daher möchte ich hier einige dieser Glaubenssätze darlegen, damit Sie die Symptome frühzeitig bei sich selbst und anderen erkennen.

  1. „Die Anderen sind schuld!“

Dass dieser Glaubenssatz auf eine Depression zurückzuführen ist, mag nicht jedem einleuchten. Schließlich kann die Schuld bei jedem gesucht werden. Bei einer Depression geht es aber gar nicht um die anderen, sondern um einen selbst. Man möchte möglichst wenig Verantwortung tragen als depressiver Mensch, nimmt sich jedoch das Recht heraus selbst über äußere Situationen und Zustände zu urteilen. Das Befreiende für die Depression daran ist, dass man folglich selbst keine Schuld mehr hat, wenn andere schuldig sind. Man muss sich nicht mehr ändern.

  1. „Die Welt geht unter.“

Seit es den Menschen gibt, geht die Welt unter. Sie geht immer ein bisschen mehr und ein bisschen heftiger unter, und wir staunen selbst, wenn wir nach so schrecklichen Ereignissen wie Weltkriege wieder alles neu aufbauen und in Stand setzen. Dieser Glaubenssatz ist so gefährlich, weil er kein Urteil, sondern ein Herbeirufen enthält. Man erkennt nicht, dass die Welt untergehe; man will, dass sie untergeht, denn damit ginge auch die eigene Welt unter und man wäre von seinem inneren Leiden, dass man durch seine Glaubenssätze vertritt, befreit.

  1. „Ich habe nur noch Angst.“

Wovor denn? Ich bin in meinen nafsotherapeutischen Gesprächen noch keiner realen Angst begegnet. Ich habe sie alle für die jeweilige Person enthüllen können. Ich kann sagen, dass in allen Fällen Ängste fantasiert und eingebildet sind. Auch hier gilt es, herauszufinden, was wirklich dahinter steckt. Weshalb halten Menschen an so einem Glaubenssatz fest, der sie paralysiert? Weil er sie paralysiert. Die Depression wünscht sich Stillstand, aber ein Mensch ist nicht so leicht still zu halten. Es gibt jedoch eine Emotion, die das ermöglicht und das ist die Angst. Daher haben so gut wie alle Depressiven eine innere Kultur der Angst, bei der man ansetzen sollte. Sie ist nämlich häufig der Motor für diese innere Panik, die sich irgendwann auch körperlich äußern wird.

  1. „Menschen sind böse.“

Ebenso eine falsche Aussage. Das Böse gibt es nur in der Fiktion und in der Kriminalität. In letzterem Fall wäre das Böse auf Handlungen beschränkt, was bedeutet, dass sogar die bösen Kriminellen nicht rund um die Uhr böse lebten, sondern erst Situationen die Manifestation ihres Bösen ermöglichten. Wenn Sie glauben, Menschen seien böse, dann vertrauen Sie keinem mehr und verlieren Ihre sozialen Fähigkeiten. Dieser Glaubenssatz, so schmerzlich dies auch klingen mag, kann über Jahre hinweg zu einer wachsenden Schizophrenie werden, wenn die Bedingungen dazu erfüllt sind. Eine Schizophrenie ist unerträglicher und gefährlicher als eine Depression, weil man überhaupt keine Kontrolle über sie hat. Vor der Schizophrenie kommt es jedoch zur Depression und genau dann ist es wichtig, diesen Glaubenssatz aufzulösen. Man schaue sich die Dinge an, die schön sind und von Menschen gemacht. Das sind ganz eindeutig die meisten Dinge und die meisten Menschen leben auch friedlich.

  1. „Ich bin nichts wert.“

Dies ist der fatalste Glaubenssatz, der offenkundig seinen Träger in den Suizid ruft. Natürlich ist dieser Glaubenssatz niemals wahr. Jeder Mensch hat seinen Platz und mehr noch seine Seele. Eine Depression ist in gewisser Weise eine Frage nach dem eigenen Wert, die das Leben erschwert und zum Innehalten auffordert. Wer seine Individualität an seine Rollen bindet, macht sich von gewerteten Positionen abhängig. Wer seine Individualität aufbaut und entwickelt, den rufen die Rollen und er wird ihnen niemals so verbunden sein, wie sich selbst. Sein Selbstwert und sein Selbstwertgefühl werden immer von ihm ausgehen. Formulieren Sie diesen fürchterlichen Glaubenssatz daher um und fragen Sie sich: „Was bin ich mir selbst wert?“, wobei es nicht um Schokolade, Urlaub oder käufliche Dinge geht. Es geht darum, wo Sie hinwollen in Ihrem Leben, denn dort, wo Sie stehen, stehen Sie falsch. Sie müssen einiges ändern und das ist völlig menschlich, und die Grundlage für ein würdevolles Leben.

  1. „Ich hasse mich.“

Ich frage die Menschen, die so etwas sagen immer: Wer hasst da wen? Genauso fatal ist der Satz „Ich liebe mich.“ Dieser Glaubenssatz bedeutet, dass Sie zwei Personen in sich haben und das ist auch der Fall. Bei solchen Glaubenssätzen beginnt die Komplexität menschlicher Persönlichkeiten aufzutreten. Der Umgang mit ihr ist nicht immer leicht. Jedenfalls ergäbe dieser Glaubenssatz zu Ende gedacht keinen wirklichen Sinn. Hass und Liebe sind Gefühle, die einer Beziehung bedürfen und eine Beziehung braucht immer zwei Bezugspersonen. Wenn Ihnen etwas an Ihnen missfällt, dann ändern Sie es und ändern Sie Ihre Haltung dazu. Wenn Sie sich selbst im Spiegel nicht wiedererkennen oder unzufrieden sind, dann haben Sie ein egoistisches Problem.

  1. „Alles ist sinnlos!“

Dieser Glaubenssatz enthält eine Erkenntnis über Sie selbst, die Sie niemals hinaussenden sollten. Auch wenn Sie dieses Gefühl haben, sprechen Sie es nicht aus. Es heißt nämlich, dass Sie die Fähigkeit verloren haben, Sinn zu erkennen und anzuerkennen. Allerdings stimmt das auch nicht wirklich, denn wäre alles sinnlos, dann wäre es auch die Sprache und damit der Satz, alles sei sinnlos, sinnlos und wertfrei. Das nennt man Logik, und damit sollten Sie sich beschäftigen und sich darin einlesen und üben. Sinn ist das einzige, was wirklich existiert, aber in diese spirituelle Metaphysik können Sie mit einem solchen Glaubenssatz nicht eintauchen. 

  1. „Ich bin selbst an allem schuld.“

Womöglich gibt es noch mehr Glaubenssätze, die gefährlich sind, aber dieser Glaubenssatz ist wirklich krude und tragisch. Natürlich haben wir hier wie beim ersten Glaubenssatz die Schuldfrage. Die Frage nach der Schuld gehört in eine rechtliche Verhandlung und nicht ins Privatleben eines Menschen. Schuld gebührt den Schuldnern, und Schuldner haben eine fassbare Schuld. Dass man nun sagt, man hätte an allem schuld und damit vor allem auch an allem, was einem selbst widerfahren ist, gleicht einer Gotteslästerung. Das hieße, dass sich das Leben um Sie herum ganz und gar nach Ihnen richtete, in diesem Fall also gegen Sie. So ungünstig kann das Leben sein, und ja, Sie können es so bewerten. Vielleicht ist aber der Schmerz, den Sie darin sehen und darüber ziehen, ein Schleier für Ihre neuen Chancen. Haben Sie nie darüber nachgedacht, dass die schlimmsten Dinge, die Ihnen passiert sind, eigentlich die großartigsten Dinge waren? Ich rede nicht von höherer Gewalt, sondern von den kleinen tragischen Geschichten des Lebens. Jedenfalls sollten Sie den Glaubenssatz in eine Frage umformulieren und Sie werden die Lächerlichkeit dieses Themas erkennen. Fragen Sie nicht nach Ihrer Schuld, sondern fragen Sie nach Ihrer Huld! Ich bin mir sicher, dass da etwas Huld in Ihnen existiert, die gelebt werden will.

Es ist  möglich, dass Leben mit solchen Glaubenssätzen zu erfahren, aber nicht ohne den Preis der Depression. Mit der Realität haben Glaubenssätze nämlich fast gar nichts zu tun, da sie sie verkürzen, vereinfachen und pointiert definieren, was in einer Situation stimmen kann, aber niemals zu einem Glauben hochgezogen werden darf. Wer einmal schuld ist, ist nicht immer schuldig. Und wer einmal gelogen hat, lügt nicht immer. Das sind alles Glaubenssätze, die Ihnen das einreden, die Sie sich selbst einreden, um Ihre harte Schale zu festigen. Nun bedenken Sie bitte, dass Ihre Seele unter Ihrer harten Schale definitiv austrocknen wird. Falls das passiert, haben Sie die Chance, sich zu ändern und als Mensch erneut zu wachsen. Diesmal wachsen Sie bitte innerlich, denn Ihr Äußeres folgt Ihrem Inneren.