Von Zügen und ZügenIn einer Sommernacht im Juli vor zwei Jahren, als der Sommer trocken und heiß war, nicht schwül und klebrig, traf ich Yueji Shao. Ein magerer Hüne mit einer durch Tabakrauch zerkratzten Stimme und einem weißen Aktenkoffer. Er sei Kaufmann, sagte er in unserer vierstündigen Unterhaltung von Hannover nach Aachen. Zwei Männer in der Bahn. Ein langes Gespräch. Wieso trug ein Kaufmann von seiner Kultiviertheit einen weißen Aktenkoffer, fragte ich mich anstatt ihn, während der gesamten Fahrt und immer wieder, seit ich an ihn dachte. Immerzu dachte ich nämlich an Yueji Shao. Herr Shao genannt zu werden, auf nichts anderes bestand er so hartnäckig. Zudem war sein Weltbild mir fremd, aber doch geistreich genährt. Ich habe ihn nicht wirklich verstanden. Er redete und sagte, was er wollte, aber in seinen messerscharfen Worten steckte zu viel Anstand und Edelmut. Das konnte doch nicht sein. Solche Menschen gab es nur in der Literatur. Aus welchem Roman war dieser Herr Shao bloß gesprungen. Ich wünschte mir, ich wäre ihm nie begegnet. Er war mir von seiner Art her recht sympathisch, aber was sollte sein weißer Aktenkoffer und warum stellte er sich lediglich als Kaufmann vor. Ich fragte mich auch fast jede Nacht, weshalb ich mit ihm stundenlang gesprochen habe. 

Nun wartete ich wieder dort, wo ich ihn damals kennengelernt hatte. Auf einem Bahnsteig am Hauptbahnhof Hannovers. Mein Kaffee wurde allmählich kalt. 40 Minuten Verspätung. Jemand hatte nicht mit dem Unwetter gerechnet. Ich auch nicht. Ich ging mir einen größeren Kaffeebecher holen und schlenderte den Bahnsteig entlang. Mir ist nie so wirklich aufgefallen, was mir alles entging im Leben. Ich wusste immer, dass es viel sein musste, denn ich bin Manager eines großen Spielzeug-Herstellers und sehr beschäftigt, aber dass es so viel war. Das wurde mir dann doch etwas zu spät in meinem Leben klar. Und eben aus diesem Grund ging mir Herr Shao nicht mehr aus dem Kopf. Ich hielt Ausschau nach ihm. Vielleicht musste er auch wieder von Hannover nach Aachen. Wer wusste das schon. Hoffen durfte ich ja, da ich mir sowieso einen Kaffee holen wollte.

            „Guten Tag!“, grüßte mich eine Frauenstimme. Herrgott, woher kam sie bloß? Ich drehte mich um. Links, rechts. Ah.

            „Guten Tag, Frau Sintz! Was haben Sie denn hier verloren?“

            „Ach, wissen Sie, ich erwarte jemanden, mit dem ich nach Köln fahren werde.“

            „Aha. Sie sind also auch schon wieder geschäftlich unterwegs. Wollen Sie auch einen Kaffee?“

            „Ja, doch. Gerne! Mit Milch und Zucker bitte.“

            „Aber natürlich Frau Sintz! Wen erwarten Sie denn?“

            „Es ist ein Mann.“

            „Ach so! Ein Geschäftsmann also.“

            „Nein. Ja, doch, aber ich bin nicht geschäftlich mit ihm verabredet.“

Ich bezahlte die beiden Kaffees und reichte ihr ihren.

            „Herzlichen Dank!“

            „Nicht dafür! Was meinen Sie? Mische ich mich etwa gerade in Ihre Privatsphäre ein?“

            „Nein, nein! Sie fragen ja nur aus Höflichkeit.“

            „Also jetzt haben Sie mich neugierig gemacht. Wer ist denn der Glückliche?“

            „Sein Name ist Yueji.“

Ich zuckte zwei Sekunden zusammen. Also doch. Er war da. Noch nicht, aber gleich.

            „Yueji. Und, seinen Nachnamen möchten Sie mir nicht verraten ja?!“

            „Shao heißt er.“

            „Wie bitte?“

            „Shao, Yueji Shao. Das ist sein Name.“

            „Ach ja.“

            „Sie können ihn aber nicht kennen.“

            „Eigentlich schon. Ich bin mit ihm schon mal nach Aachen in der Bahn gefahren.“

            „Ach. Sieh an! Jetzt bin ich aber überrascht.“

            „Ich auch. Die Zeit vergeht sehr langsam. Die Bahn ist noch immer nicht da. Und Herr Shao lässt sich auch nicht blicken.“, versuchte ich abzulenken.

Sie musterte mich aufmerksam von der Seite. Ich war etwas peinlich berührt. Ich konnte mir nicht erklären warum. Ich setzte wieder zur Rede an, ohne sie dabei anzuschauen.

            „Wissen Sie, Herr Shao war mir auch gerade im Sinn, bevor ich Sie getroffen hatte. Ich bin ihm zwar nur einmal begegnet, aber er hat großen Eindruck hinterlassen.“

            „Wem sagen Sie das. Er ist heiß, intelligent und gutaussehend. Dabei ist er viel jünger als er aussieht.“

            „Und erfolgreich ist er auch!“

            „Ja, natürlich. Er gehört zu der Sorte Mann, die mit alles Erfolg haben können, wenn sie wollen.“

            „Ja, ich muss Ihnen da zustimmen. Der Kerl war charismatisch und sehr gutaussehend.“

            „Ja, das ist er. Mit ihm bin ich ja auch deswegen verabredet. Er braucht doch eine Frau, die ihm ebenbürtig ist.“

Nach diesem Satz von ihr lächelte ich. Sie lachte daraufhin.

            „Ja, aber natürlich.“, fügte ich grinsend hinzu.

Yueji Shao erschien nicht, den wir nun zu zweit sehnsüchtig erwarteten. Nirgends war ein Hüne mit seicht königlichem Gang zu orten. Nicht schlecht, Shao. Er war wohl ein Freund der jüngeren Damen. Aber alt sah er aus. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass er wesentlich jünger war als er vorgab, zu sein. Er strahlte diese unheimliche Frische aus. Mit Sicherheit tat auch seine Sommerbräune einiges dazu.  Ob er wohl erwartet, mich zu sehen. Es kann ja sein, dass ich ihm und Frau Sintz die Bahnfahrt verderbe, dachte ich in jenem Moment, als plötzlich Schuhgeräusche neben mir erklangen. Frau Sintz umarmte und küsste einen Hünen, der nach Jasmin duftete und seine brummige Stimme ertönen ließ. Er reichte mir seine riesige Tigerpranke, grüßte mich und lächelte vertraut.

            „Wir kennen uns doch.“, brüllte er mir gelassen entgegen.

            „Ja. Hannover – Aachen. Die Strecke unserer ausführlichen Unterhaltung.“

            „Unterhaltungen will ich doch meinen.“

            „Ja, Unterhaltungen. Natürlich. Wir haben über mehrere Dinge gesprochen.“

            „Ich bin mit Frau Sintz verabredet. Wir fahren nach Köln. Sie begleiten uns heute.“

            „Oh nein! Ich muss sehr viel arbeiten und außerdem ist mir wirklich nicht danach, Sie beide zu stören.“

            „Wie könnten Sie uns stören! Wir wollen ja eine gute Unterhaltung führen und in der Bahn werden wir nur vier Personen sein.“

            „Und was ist mit den anderen?“

            „Diese Menschen fahren nicht mit dem gleichen Zug wie wir. Ich habe meinen eigenen Zug. Ich bin Ingenieur, baue Züge und beteilige mich an einigen Strecken. Einige meiner Zuglinien dürfen schon fahren, aber nur mit mir und den engsten Verwandten gemeinsam.“

Da war er wieder. Ein Moment, der mich erschlug. Dieser Mann stand – eine traumhafte Frau in den Armen haltend – vor mir und erklärte mir, dass ihm ganze Züge und sogar bald Strecken gehörten. Wie konnte ich da nicht nervös werden, und wieso sollte ich nein sagen.

            „Mein Zug kommt jetzt. Sehen Sie! Da hinten steht er. Ein einziger Waggon genügt für uns, auch wenn wir sechs davon haben. Kommen Sie mit!“

Ich ging mit ihnen und war fröhlich. Ich durfte mitfahren und evtl. einen neuen Investoren für unsere Fabrik gewinnen. Für ihn wäre es sicherlich ein Frühstücksgeschäft, dachte ich. Warum nicht! Und wie er seinen weißen Aktenkoffer hob, starrte er mir in die Augen und grinste.

            „Sie möchten wissen, warum er weiß ist.“

            „Ja, das ist richtig.“

            „Ich werde Ihnen beiden die Geschichte im Zug erzählen. Meine Eltern liebten weiß, und ich liebe es vermutlich auch deswegen. Dieser Aktenkoffer enthält wichtige Personalakten von mir, sowie Streckenplanungen und Gleiserweiterungen deutschlandweit. Ich muss sie auch mit einigen örtlichen Behörden durchgehen. Das machen wir dann auch immer in einem meiner Züge.“

            „Wie ist es Ihnen möglich, Ihre Züge auf diesen öffentlichen Gleisen zu fahren?“

            „Diese Gleise sind nicht öffentlich. Dieser zumindest nicht. Ich habe mich bei der ersten Legung daran beteiligt und vor kurzem den größeren Anteil eingekauft. Es ist also eigentlich mein Bahngleis.“

            „Manchmal geben Sie mir schon das Gefühl, dass Sie ein Hochstapler sind.“, sagte ich ihm, um ihn herauszufordern.

            „Ach, das war jetzt aber nicht sehr freundlich.“, mischte Frau Sintz sich ein.

In diesem Moment fuhr ein silberner Zug mit blauen Streifen ein, auf dem MFxpress eingraviert war. Yueji lächelte.

            „Sie sehen, ich bin ein Trickbetrüger und habe Geld, das ich nicht habe, für diese Inszenierung ausgegeben, die keine ist. Steigen Sie bitte ein und ziehen Sie sich einen Kaffee! Ich glaube, Sie sind etwas angespannt und nervös. Übrigens ist die Innenausstattung ebenfalls eigenhändig von mir erarbeitet worden. Sie sehen, ich bin ein Ingenieur mit Einrichtungskenntnissen.“

Einige Momente noch, Sekunden, dachte ich tatsächlich immer noch, dass ich träumte, aber als diese wunderbare Bahn losfuhr, war ich mir sicher. Yueji Shao war ein beeindruckender Mensch, Frau Sintz die glücklichste Frau und ich ein Mann, der soeben die schönste Fahrt seines Lebens angetreten ist.

           

 

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