Persönlichkeitsentwicklung & Ich-Krisen

Ich-Krise Persönlichkeitsentwicklung Youssef Zemhoute Soulphone SoulBlogDie Ich-Krise bezeichnet eine Lebensphase, in der man sich selbst als in einer Krise stehend empfindet. Das heißt, dass man ein Problem mit sich selbst hat. Im wahrsten Sinne des Wortes steht hier das Selbst im Mittelpunkt. Die Definition des Selbst, die eigene Identität und unser soziales Dasein spielen zentrale Rollen bei dieser Problematik. Wie bei jeder Krise gibt es Faktoren, die die Ich-Krise verstärken, abschwächen und eskalieren lassen. Manchmal führt eine Ich-Krise zu einer umwälzenden Psychose, die sich im Freundeskreis bemerkbar macht.

Unter Depressionen leiden Menschen, die sich in ihrer Existenz weder persönlich, noch emotional wiederfinden. In der Umgangssprache nennen wir es die Bedrücktheit, oder die Melancholie, und assoziieren ewige Schwarzmalerei mit einer vermeintlichen Depression. Das ist alles ganz richtig, jedoch verweisen diese Interpretationen auf eine fatale Grundhaltung. Mit der Depression könne man nicht umgehen, ist der Umkehrschluss. Man sei ihr ausgeliefert, heißt es im Volksmund weiter. Diese Annahme wundert mich nicht, da viele Menschen sich ebenso ihren eigenen Gefühlen ausgeliefert fühlen.  

Diese Aussagen werden viele Menschen bestätigen, weil sie ein bestimmtes Bewusstsein teilen. Ich nenne es das Ich-im-Rollenspiel-Bewusstsein. Das Ich, das gesamte Selbstempfinden, befindet sich dabei in den Rollen, die erfüllt werden müssen. Mutter, Vater, Sohn, Mitarbeiterin, Nachbar, Angestellter, Chef, Managerin, Arbeitssuchende, Fussballfan, Selbstständiger, Priester, Heilpraktikerin etc. Hierbei handelt es sich lediglich um Rollen und der Mensch als individuelles Wesen findet kaum Platz in seinen Rollen. Deshalb bekommen Menschen, die ein solches Ich-im-Rollenspiel-Bewusstsein haben, eines Tages Depressionen. In diesem Kontext ist es ein gutes Ereignis, das einer Selbstauflösung vorgreift und davor warnt.

In der allgemeinen Definition spielen wissenschaftliche Studien eine große Rolle. Man konzentriert sich auf Vorstellungen der mutmaßlich Depressiven und studiert ihre Haltungen, Erwartungen, Aussagen, etc. Hinsichtlich des Studiums von Depressionen gibt es einen großen Mangel bzgl. der Therapie von depressiven Menschen. Es gibt keine Studie, die auf die Emotionalität des so genannten Patienten eingeht. Warum nicht? Nun dies hängt mit den „wissenschaftlichen“ Ansprüchen, die stets einer Rationalität unterliegen, zusammen. Allein der Zählbarkeit wird Bedeutung beigemessen. Sowohl in der Wissenschaft als auch im Alltag erscheint uns nur das Zählbare als lebenswichtig.

Von der Depression weiß jeder Mensch, dass sie das bedrückende Gefühl in der Brust darstellt. Dieses Bedrücktsein hängt nicht etwa mit einer Nachdenklichkeit oder einer fantasierten Existenz zusammen, sondern mit der Emotionalität des Menschen. Es ist nämlich ein Gefühlsproblem und kein Gedankenproblem. Selbstverständlich gibt es komplizierte Verstrickungen, die die Gedanken beeinflussen. Ich rede hier von den Ursprüngen einer Depression. Ich bezeichne dieses Empfindungsproblem als ein rein emotionales Problem, das sich auf den Verstand auswirken kann, aber nicht muss. Die Depression muss im Bewusstsein verarbeitet werden. Damit es dazu kommen kann, muss das Bewusstsein durch eine Ich-Krise deplatziert und verwandelt werden.

Als Ich-Krise bezeichne ich ein menschliches Phänomen, das eine Bedingung für ein gutes Leben ausmacht. Es ist nicht empfehlenswert, absolut sicher durch das Leben zu gehen und gar nicht möglich. Es sei denn, Sie existieren in ordentlicher Abfolge Ihrer Rollen. Sind Sie ein Rollenspieler, eine Rollenspielerin? Haben Sie Ihre sozialen Rollen so sehr verinnerlicht, dass es Sie persönlich jenseits Ihrer Rollen gar nicht mehr gibt? Das ist eine wichtige Frage, denn wann wollen Sie sich mit dieser grundlegenden Frage auseinandersetzen, wenn nicht jetzt. Im hohen Alter wird Sie sie sowieso beschäftigen, aber Sie werden nicht die gleiche Energie haben.

Sie bleiben Ihren Rollen verhaftet und stolzieren von Tischgespräch zu Tischgespräch mit Geschichten über interessante Rollengeschichten. Für Sie stellen diese Geschichten aber etwas Großartiges dar, weil Sie Ihr Leben nicht gelebt haben. Ihr Leben findet nämlich jenseits Ihrer Rollen statt. Das merken Sie daran, dass eine Routine Sie persönlich, seelisch und geistig nicht voranbringt. Wenn Sie im Leben nicht innerlich vorankommen, dann wirkt das Äußere irgendwann wie eine auswechselbare Fassade auf Sie.

Manchen Menschen passiert es, dass sie einknicken und ins andere Extrem gehen. Sie geben jede Rolle auf und verwahrlosen im Sinne gesellschaftlicher Verantwortung. Sie haben kein Einkommen, geben ihre Rechnungen auf, melden sich nicht zurück, ziehen sich zurück und vernachlässigen irgendwann ihren Körper, ihren Geist und ihre Seele. Andere Menschen werden vom System dazu gezwungen, weil sie sich den Gewaltsystemen nicht hörig machen wollen. Wiederum andere erleiden einen menschlichen Verlust und geben das Leben auf. Es gibt unendliche Beispiellandschaften von Menschen in einer akuten Ich-Krise. Es gibt fleißige Menschen, die gefeuert werden und völlig schockiert darüber sind. Es gibt Männer, die sich umbringen, wenn sie davon hören, dass sie Krebs haben. Und es gibt Frauen, die dazu gezwungen werden, sich zu verkaufen (in allen möglichen Formen), um im Rollenspiel zu bleiben. Jeder Mensch wird Sie davor warnen aus dem klassischen Rollenspiel hinauszutreten, weil er selbst Angst davor hat.

Wiederum mag man meinen, dass der Mensch grundsätzlich frei sei und nicht gezwungen werden könne. Das ist richtig, sofern er gewisse Bedingungen erfüllt. Die wohl wichtigste ist die Abhängigkeit. Eine Abhängigkeit bekommt man nicht geschenkt. Sie muss allmählich und mit der Zeit erarbeitet werden. Und selbst wenn Sie es schaffen unabhängig zu werden, so merken Sie erst Recht wie wichtig das Miteinander ist. Sie werden bedürftiger im Sinne Ihrer scheinbaren Unabhängigkeit. Es ist schön, wenn Sie nur Hausgeld, Strom und Wasser sowie Lebenshaltungskosten haben, ihnen sonst alles gehört und Ihr fixes Jahresgehalt das 10fache dessen darstellt. Trotzdem sind Sie abhängig von öffentlichen Diensten, Reparaturen, Lebensmittel und Produkten diverser Arten.

Weshalb spreche ich über Abhängigkeit, Beruf, Existenzminimum, Scheitern und Erfolg? Diese Themen drehen sich alle um die Ich-Krise, in der Entscheidungen getroffen werden, die über die persönliche Zukunft bestimmen. Jeder Mensch bestimmt selbst über seine Zukunft. Natürlich werden Wünsche nicht auf Anhieb erfüllt, aber die Fundamente Ihrer Ziele können Sie jeder Zeit neu legen. Eine Ich-Krise hat neben ihren Gefahren, ebenso viele Vorzüge für Ihre Individualität. Sie haben Anlass zu fragen, wer Sie sind und was Sie vom Leben wollen. Das wissen wenige von sich.     

Die Lebenswege von Menschen sind sehr unterschiedlich. Kaum ein Plan ist irgendeinem Menschen in seinem Leben 1 zu 1 gelungen. Das Schicksal sieht immer etwas anderes vor. Diese ungemütliche Tatsache bringt uns dazu, einen Ort der Berechenbarkeit zu suchen. Jedoch gibt es in der Berechenbarkeit kein wirkliches Leben. Wenn Sie immer und überall ungefähr wissen, was Sie erwartet, dann gibt es Ihnen ein Machtgefühl, aber keinen Lebenswert. Ein unwertes Leben gibt es meiner Meinung nach nicht, aber sehr wohl das missachtete Innenleben.

In der Midlife-Crisis geht es gerade darum, dass der Mensch zur Mitte seines Lebens angelangt ist, ohne eine eigene Mitte zu haben. Er empfindet einen Makel in sich selbst. Manche sagen, es erhebt sich ein Leben in der Seele, das auch hätte gelebt werden können. Oder aber ein Mensch versteht überhaupt nicht mehr, wo oben und unten sind. Er verändert sein Leben rapide und riskiert mehr. Menschen entwickeln ein stärkeres Geltungsbedürfnis, weil sich das Alter bei ihnen bemerkbar macht. Andere Menschen möchten sich nicht mehr ändern und ziehen sich weitestgehend zurück von ihren Mitmenschen, um ihre kleine Welt zu schützen. Die Midlife-Crisis ist nie zu unterschätzen, denn sie kommt zum ungünstigsten Zeitpunkt des Lebens. Man sollte seine eigene Mitte früh genug finden und sich selbst treu bleiben, egal wie untreu die Verhältnisse sich entwickeln mögen.  

Charaktere sind nicht selten wie Zwiebeln strukturiert. Die Menschen ziehen Schale über Schale, Schicht um Schicht übereinander und je tiefer man in sie eindringt, desto mehr merkt man, dass so gut wie alles verschwunden ist. Die Seele zu ersticken, kann sehr unangenehme Konsequenzen haben. Womöglich nehmen Sie es gar nicht wahr, weil Sie ein anderes Bewusstsein erleben, aber Ihre Umwelt kann es in Form von Zeichen widerspiegeln. Wenn Sie bspw. 8 Jahre lang eine sehr gute Freundin haben, die sich kein Stück geändert hat, über die Sie sich ab und zu ärgern, dann können Sie daheim eine Übertragung auf Sie selbst machen. „Moment mal! Habe ich mich denn überhaupt verändert oder warum ist sie mir so unsympathisch?“

Bipolarität ist eine Sache für sich. Zwischen Depression und Manie kann sich ein Mensch bewegen, der sich völlig in seinen gesellschaftlichen Rollen auflösen will und es hasst, alleine zu sein. Alleine halten es diese Menschen gar nicht aus. Sie müssen immer etwas mit irgendjemandem tun. Es muss immer etwas passieren. Manie stellt diesen Anteil dar. In manischer Manier werden außergewöhnliche Dinge vollbracht. Die Kehrseite ist dann die Depression. Eine absolute Niedergeschlagenheit, die gar nichts mit der Manie gemeinsam hat, viel mehr ein Negativ dessen darstellt. Tiefe Trauer, Angst und ungeheurer Pessimismus. Es ist möglich, dass ein junger Mann fünf Jahre lang manisch arbeitet und lebt, und erst dann auf die depressive Seite seinerselbst umschlägt. Freunde sind dann schockiert. Und es gibt depressive Menschen, die plötzlich ans Tageslicht treten und wie ausgewechselt sind, voller Energie und Euphorie.

Zur Bipolarität kann es kommen, wenn man die Ich-Krisen anderer in sich zu lösen versucht, oder aber es ist ein Familienproblem. In jedem Falle unterscheidet sie sich von der Depression darin, dass Aktivität und Passivität voneinander getrennt werden. In einer rein depressiven Natur sind sie nicht voneinander getrennt. Ein chronisch depressiver Mensch kann u. U. an die Arbeit gehen und lächeln. Ein bipolarer Mensch kann nur grinsen oder grimmen, und kennt kein Dazwischen.

In der Mitte aber findet sich das Existenzielle; die Seele. Suchen Sie die Mitte in allen Dingen und Sie werden Ihre eigene Mitte finden! So tun es die großen Meister und es hilft ihnen, sich auf ihre innere Mitte zu konzentrieren. Gefühle sind keine Kräfte höherer Gewalt, sondern organische Elemente unseres Bewusstseins, die unserer Lebensqualität zu Gute kommen. Der Umgang mit ihnen ist ein willensfreier Umgang. Sie können nicht sagen, dass Ihre Gefühle für einen Menschen Sie völlig aushebeln. Wenn Ihnen das jemand sagt, dann verstehen Sie es als „seine Gefühle für einen Menschen bringen ihn dazu, sein Leben aushebeln zu wollen“ und nichts anderes. Gefühle können reizbar und furchtbar sein. Es genügt, wenn wir bei einem Geschäftsessen Zahnstein bei unserem Gegenüber bemerken. Für Menschen mit empfindlichem Ekel ein Ausschlusskriterium für jegliche weitere Geschäftsbeziehungen oder persönliche Kommunikationen. Es ist aber nicht tödlich oder gar brechreizend, egal wie viele Menschen Sie kennen, die Ihnen ihren Ekel auf diese Weise kommunizieren. Menschen mit einem Ich-im-Rollenspiel-Bewusstsein geben sich sehr gerne ihren starken Gefühlen hin, weil es immerhin ein Gefühl ist.

Und manche jungen – auch alte – Leute erzeugen Probleme, die keine sind, um augenscheinliche Konfliktlösung zu betreiben. Es geht dabei weniger um Konflikte als um Selbstherrlichkeit. Die Ich-Krise jener Menschen besteht in ihrem Bewusstseinszustand. Sie bauen es sich nach eigenem Belieben auf und wollen nie mehr heraus. Erst ein schwerer Verlust oder ein gravierendes Ereignis zwingt sie dazu. Die Ich-Krise ist von Mensch zu Mensch anders. Sie hängt von seiner Situation ab. Ein Mensch, der mit einem schweren Leben leben muss  und dabei in seiner Mitte ausharrt, verarbeitet seine Ich-Krise sehr schnell, weiß jedoch, dass sie ein unlösbares Problem ist. Ein Mensch, der ein sehr leichtes Leben hat, kann mit einer Ich-Krise nichts anfangen, weil sie für ihn zumeist nicht greifbar genug ist.  

Unlösbar ist die Ich-Krise, weil sie das Ich hinterfragt, das Ich sich selbst hinterfragt, der Mensch also sein Leben und seine Existenz in Frage stellt. Das können Sie zu jeder Zeit Ihres Lebens tun, um eine erhöhte Lebensqualität zu erlangen. Warten Sie lieber nicht darauf, dass Ich-Krisen von selbst auftreten! Das Ego ist geschickt im Verstecken der Ich-Krise. Wenn Sie gar kein Problem mit sich haben, werden Sie das tun, wozu die meisten Menschen neigen. Sie werden Ihre Krisen, Probleme, Gründe, Ausreden, Sorgen und die Schuld für all dies bei anderen Menschen suchen. Damit machen Sie indirekt Ihren Selbstwert von anderen Menschen abhängig und Sie erzeugen Krisen außerhalb Ihrer selbst. Dem entgegen wirkt die Persönlichkeitsentwicklung. [mehr dazu!]

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.