Artikel (1) des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

WürdeWürde. Kennen Sie Ihre Würde? Im Grundgesetz steht, dass die Würde des Menschen unantastbar sei. Ist das der Fall? Wenn ja, warum haben wir so wenig Selbstwertgefühl? Woran erkennt man überhaupt das eigene Selbstwertgefühl? Hat es damit zu tun, dass man von anderen Wertschätzung und Anerkennung erfährt? 

Wir können ellenlange Debatten über die Würde des Menschen führen. Das Fundament unseres zivilisatorischen Miteinanders ist die Würde des Menschen. So stellen wir sicher, einander mit Respekt, Achtung und Toleranz zu begegnen. Was ist aber die Würde des Menschen? Um dies zu begreifen, müssen wir den Begriff der Würde zunächst definieren. Diese Definition betten wir dann in unsere gegenwärtige Realität ein, um sie zu verifizieren; oder zu falsifizieren.

Im Deutschen sprechen wir heute vom Begriff der Würde als eine universale Realität der menschlichen Existenz, was wir der Aufklärung im 18. Jahrhundert zu verdanken haben. Davor war der Begriff der Würde (wirdec; wirdic; wirdi; wierde, etc.) ein Begriff im Sinne der ehrenhaften Gegenwart einer Person. Diese Ehrenhaftigkeit war oft an seinen gesellschaftlichen Status oder an sein Amt gebunden. Das wesentliche Merkmal ist, dass der ursprüngliche Begriff an einen Verdienst gebunden war.

Im späteren Verlauf der Begriffsgeschichte wurde aus dem Begriff der Würde das, was wir heute allgemein als Würde begreifen. Es ist die Würde des Menschen, seine Ehrbarkeit, die er von Geburt an hat, und zwar jeder einzelne Mensch. Auf dieser Grundlage erscheint jegliche Form der Diskriminierung als falsch, sofern der/die Diskriminierte (durch Kriminalität) seine Rechte nicht verwirkt hat. Würde ist also historisch vom ständegebundenen Verdienst zur universal-humanistischen Selbstverständlichkeit geworden. Heute sprechen wir in der Öffentlichkeit selten über die Würde, denn sie hebt den einzelnen Menschen hervor, zwingt ihn in den Vordergrund und achtet seine Individualität.

Würde liegt darin begründet, dass jeder Mensch sie besitzt und sie etwas ist, das dem Menschen nicht fehlen darf. Auch müsste es als Verbrechen gelten, wenn man einen Menschen entwürdigt, auch wenn er es aus freien Stücken tut. Ziel des 1. Artikel unseres Grundgesetzes sollte es daher sein, eine Gesellschaft aufzubauen, in der es gar nicht mehr möglich ist, die Würde eines Menschen anzutasten. Damit wäre die Relevanz dieses 1. Artikels ernsthaft angenommen und umgesetzt.

Nun mag man sagen, dass es stets kriminelle Kräfte gibt, die willkürlich Wege finden, andere Menschen durch Verletzungen zu entwürdigen, seien es nun Schläger, Einbrecher, Räuber oder Mörder. Von denen und den klaren Straffälligkeiten spreche ich allerdings nicht. Ich spreche von der staatlichen Gewalt, die für die Würde aller Menschen in ihrem Staat verantwortlich ist und den Rahmen bestimmt. Alle Bediensteten des Staates müssen ein besonderes Interesse daran haben, dass die Würde des Menschen unantastbar ist.

Dies würde bedeuten, dass die Würdelosigkeit bzw. die allgemeine Entwürdigung nicht mehr von Rechtswegen eingeleitet werden könne. Die Würde des Menschen wird stetig von staatlichen Organen herausgefordert, missachtet, verachtet oder verklärt. Sie ist sehr eng mit dem Begriff der Macht verbunden und aus ihr entsteht er sogar. Dort wo Sie Macht erblicken, werden Sie gleichzeitig auch das Entwürdigen finden. 

Aus juristischer Perspektive fällt das Grundgesetz nur dann ins Gewicht, wenn die Stufen der Gerichtsbarkeit in Deutschland einen konkreten Mangel haben. Dieser Mangel muss in Form einer Verfassungsbeschwerde eingereicht werden. Tatsache ist, dass diese Form der Verfassungsbeschwerde selten wahrgenommen wird. Einerseits liegt es an der breiten Unkenntnis der Bevölkerung, andererseits auch an der Kostenfrage von gerichtlichen Prozessen. Das Einfordern der Würde vor Gericht ist also eine Kostenfrage. 

Die Würde des Menschen ist heute immer noch an Verdienste geknüpft. Wer diese Verdienste nicht hat, der muss sie erlangen, um sein Recht auf Würde wahrnehmen zu können. Bis zu diesem biographischen Zeitpunkt bleibt die Würde des Menschen also antastbar, und somit auch seine gesamte Existenz. Ein Blick in die Realität genügt, um dieses Verhältnis festzustellen. 

Wozu brauchen wir die Würde? Die Würde ist das Recht auf eine ehrbare Existenz auf dieser Welt. Staaten wollen Sorge dafür tragen, weil sie einen Herrschaftsanspruch für sich übernehmen. Das heißt, dass sie dazu verpflichtet sind, denn es gibt keinen Fleck mehr, der nicht einem Staat gehört. Es gibt sogar hoheitliche Gewässer, die Staaten beanspruchen. Jeder Mensch, der geboren wird, wird auch in einen Staat hineingeboren. Jener Staat hat dafür die Sorge zu tragen, dass dieser Mensch in Würde aufwächst.

Fakt ist jedoch, dass die Staaten den Kindern gar nicht beibringen, was Würde ist. Im Gegenteil werden Kinder durch ein kollektives Leistungssystem entwürdigt, in ihren Individualitäten. Individualität muss man sich nämlich leisten können, aber eben in der Individualität liegt die Würde des Menschen begründet. Wenn Sie nicht Sie selbst sein dürfen, wessen Leben sollen Sie dann führen? Diese Frage ist insbesondere aus gesundheitlichen Aspekten wichtig, denn jede Lebenskrise, jede Gewalt und alle Missverhältnisse gründen auf diese Tatsache.

So lange die Würde des Menschen strukturell antastbar ist, wird sich in unseren Gesellschaften so gut wie nichts verändern. Es gibt die Kritik, dass eine Gesellschaft auf Arbeitsteilung angewiesen ist, aber jene Kritiker denken Ihre Sorgen nicht zu Ende. Der Müll wird weiterhin aufgesammelt werden, wenn Menschen ein Selbstwertgefühl haben. Müllmänner – wie wir sie geringschätzig bezeichnen – haben eine essenzielle Rolle für unsere Gesellschaft. Das wissen sie, auch wenn viele andere es eben nicht tun. 

Ich habe nichts dagegen, wenn jemand Probleme sieht, aber er muss eine Problematik auch zu Ende denken und stets darauf bedacht sein, ob er etwas sieht oder es nur annimmt. Würde bleibt eine Annahme, die wir einander suggerieren, aber wenn Sie beginnen Menschen auf ihre Individualität anzusprechen, stoßen Sie auf eine Mauer aus Rechtfertigung, Ausreden und Resignation. Dahinter verbirgt sich die Angst, die um die Frage schwebt „Wer bin ich?“, weswegen ich von solchen Gesprächen auch abrate, weil sie für die meisten Menschen zu intim sind. Es geht schließlich um ihre Würde und das wissen sie.

Würde müssen Sie als das Zentrum und das Herz Ihrer persönlichen Lebensqualität erachten. Nichtsdestotrotz bleibt Sie Ihnen verborgen im Alltag der Unzulänglichkeiten. Sie müssen bedenken, dass etwas Entwürdigendes nicht wirklich außerhalb Ihrerselbst existiert. Die einzige Person, die Sie zu entwürdigen vermag, sind Sie selbst. Sie machen sich untertan. Sie machen sich klein. Sie machen sich unterwürfig. Sie passen sich an. Und es gibt vieles mehr, was Sie sich selbst antun, um zu „leben“ oder um zu „überleben“, allerdings gibt es kein Leben jenseits Ihrer Würde.

Wenn Sie das verstehen, wird alles ganz anders für Sie aussehen. Daher verstehe ich die Angst, die dieser Begriff hervorruft. Es ist manchmal ebenso eine leichte Abwandlung von Resignation und es sei doch jedem bereits klar, was die Würde des Menschen ist. Selbstverständlich gäbe es darüber keine Diskussionen, weil der Begriff an sich nicht fassbar genug erscheint. Sie werden verstehen, dass Würde einen individuellen Wert ausmacht, der nicht verhandelbar ist. Daher ist er so wichtig für unser Leben.

Wer für Sie Ihre Würde definiert, der versucht zugleich, Sie zu beherrschen. Sie haben die Wahl, ob Sie sich das antun lassen wollen oder, ob Sie sich dem entziehen. Was Ihre Würde verzieht, das verspüren Sie natürlicherweise sofort, denn es wird Sie ärgern und an Ihrer Seele nagen. Ich erachte die Würde des Menschen als das, was uns unser Bewusstsein über unsere wunderbare Verfassung zurückholen wird. Schließlich lautet der erste Artikel unser Verfassung nicht umsonst: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

 

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